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Baku 2015 - Backstage mit Nicky - der große Finaltag bei den 1st European Games

27. Juni 2015, 15:16pm

Veröffentlicht von sport-oesterreich

Nicky Watzek - 1st European Games in Baku 2015

Nicky Watzek - 1st European Games in Baku 2015

Der Finaltag
Wir starteten in den Finaltag als führende Mannschaft, womit unser Ziel ganz klar war „Wir möchten hier in Baku gewinnen“. Ich startete in meinem zweiten Bewerb, dem Kugelstoßen, doch dies lief nicht nach Wunsch. Genau wie im Diskus hätte ich mehr Punkte für die Mannschaft erzielen können. Viele gute Leistungen meiner KollegInnen verhalfen uns aber aus Sicht der Mannschaft, bis zu den abschließenden 4x400m-Staffelbewerben in Führung zu bleiben. Würde uns wirklich die Sensation gelingen?

Mit 6,5 Punkten Vorsprung gingen unsere Mädls ins Rennen. Super gekämpft und tolle Läufe über die Stadionrunde gezeigt lagen wir vor dem aller letzten Bewerb immer noch 5,5 Punkte voran. Es war allen klar, dass wir „nur durchkommen müssen“, um bei den 1st European Games zu gewinnen. Das ganze Team versammelte sich schon auf Höhe der Schlusskurve um anschließend das Stadion zu stürmen.

Nicky Watzek - Kugelstoßen - 1st European Games in Baku

Nicky Watzek - Kugelstoßen - 1st European Games in Baku

Unsere Männer lagen richtig gut, die Tribüne bebte vor Freude doch dann der Schockmoment. Unser Läufer bleibt stehen … doch warum?? Keiner verstand die Situation doch schnell wurde klar, dass er das Staffelholz verloren hatte. „Nein – oder?“ waren unsere ersten Worte, vermischt mit einigen Schimpfworten. Trotzdem noch super gekämpft um jeden Meter starrten alle auf die Anzeigetafel, denn es wurden 2 Läufe ausgetragen. Österreich startete im 2. Lauf und keiner hatte sich die Siegerzeit des ersten – wohlgemerkt viel langsameren - Laufes gemerkt. Dann die bittere Enttäuschung – die Sieger des ersten Laufes waren tatsächlich schneller als unsere Männer, weshalb wir im Endergebnis um einen halben Punkt auf den zweiten Platz verwiesen wurden.

Baku Olympic Stadium

Baku Olympic Stadium

Enttäuscht, traurig und völlig fassungslos gingen wir ohne ein Wort zu sagen Richtung Call Room, wo wir uns für die Siegerehrung einfinden mussten. 2 unserer Nationaltrainer liefen sofort zum Hauptschiedsrichter und legten Protest ein. Nachdem unser ganzes Team sich weigerte, auf dem 2. Rang einzuordnen für den Einmarsch zur Siegerehrung setzten wir uns alle erst einmal gemütlich auf den Boden und starrten in den im Call Room aufgestellten TV mit der Liveübertragung vom Innenfeld, wo bereits Trommler mit ihrer Show begonnen hatten. Kurz darauf stand auch schon im TV „victory ceremony delayed“, da der Protest der Österreicher abgewartet werden musste.

Baku 2015 - Backstage mit Nicky - der große Finaltag bei den 1st European GamesBaku 2015 - Backstage mit Nicky - der große Finaltag bei den 1st European Games

Erneut wurde das Gesamtergebnis eingeblendet und … wir trauten unseren Augen nicht … Austria auf Platz 1. Unglaubliche Glücksgefühle, Freudentränen und Adrenalin stieg in uns hoch und wir konnten uns nicht mehr halten. Da ging die Party im Call Room nur so ab. Getobe, Geschrei und Siegeslieder wurden gesunden und dazu getanzt. Eine Viertelstunde lang ging das, bis dann der tiefe Fall ins Leere kam. Austria auf Platz 2, da dem Protest nicht stattgegeben wurde. Völlig starr, traurig und erneut fassungslos standen wir vor diesem Bildschirm. Dann kamen auch schon die Trainer mit gesenktem Blick und bestätigten uns das eben Gesehene im TV. Ärger, Wut und Enttäuschung füllten den Call Room und der eigentlich soooooo tolle 2. Platz verlor völlig seine Bedeutung. Keiner wollte den Weg hinaus ins Stadion gehen um bei der Siegerehrung zu feiern. Die Jubelschreie der Fans auf der Tribüne ließen uns völlig kalt. Auch die Freude über den Aufstieg in die nächste Liga interessierte uns kein bisschen, denn dass wir das schaffen würden war nach dem ersten Tag sowieso klar.

Nicky WatzekNicky Watzek

Nicky Watzek

Ja, so ist der Sport eben. Meistens sehr hart, doch diese Art der Härte haben wir an dem Wochenende in Baku wirklich nicht verdient. Dafür waren wir einfach ein zu starkes und geniales Team.

An diesem Abend ging auch jeder – anders als bisher bei Teamevents – seinen Weg. In Kleingruppen oder gar alleine machten wir uns nach dem Duschen und einer Stärkung in der Main Dining Hall, also gegen Mitternacht, auf den Weg. Manche fuhren in die Stadt, um wenigstens einmal Baku gesehen zu haben, anderen war gar nicht zum Wegfahren zumute. Für einige reichte die Motivation nur, um in die Bar des Athleten-Aufenthaltsraumes im Österreichhaus oder in die Bar direkt vor dem Athleten Village zu schlendern.

Ich selbst fuhr alleine in die Stadt, wo ich meinen besten Freund traf. Eine wunderschöne Nacht in dem hell beleuchteten Baku habe ich mit ihm verbracht. Es tat mir persönlich sehr gut und lies auch meine verärgerten und traurigen Gedanken über diesen überaus knapp verpassten Sieg ruhen.

Baku 2015

Baku 2015

Der wehmütige Tag nach dem Finale

Gleich in der Früh fand noch unsere kleine Medaillenfeier vor dem Österreichhaus statt, sowie das Teamfoto. Trotz der vielen unterschiedlichen Wege in dieser Nacht, haben wir alle nicht viel geschlafen. Ich nutzte die Zeit die mir bis zum Einsteigen in den Shuttlebus blieb und ging erst einmal ausgiebig frühstücken. Danach nutzte ich die letzte Chance, österreichische Pins mit AthletInnen aus anderen Nationen zu tauschen, um ein paar kleine Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen. Im Anschluss hieß es für mich Tasche packen. Viel schneller als gedacht war ich damit fertig und so spazierte ich ganz alleine noch einmal durch das Athletendorf und setzte mich gemütlich auf eine Bank unter einem Pavillon.

Baku 2015 - Backstage mit Nicky - der große Finaltag bei den 1st European Games

Fast 1,5 Stunden saß ich dort und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Ich wollte noch einmal die Tage in Baku Revue passieren lassen und vor allem die ganzen Eindrücke ein wenig verarbeiten. Viel zu viel passierte hier in der kurzen Zeit und trotz vieler Stunden mit wenig Action waren die Geschehnisse einfach enorm geballt. Die Stimmung im Stadion, die Achterbahn der Gefühle, die enormen Konzentrationsphasen, die Eindrücke der Kultur und des anderen Lebensstandards als wir es in Österreich gewohnt sind und vieles mehr.

Dann aber wurde es Zeit, das Zimmer wirklich zu räumen. Meine Schlüssel musste ich noch ins ÖOC-Office bringen, wo eine Überraschung auf uns wartete. Jeder österreichische Sportler durfte auf einem Plakat unterschreiben, das dem ÖOC als Erinnerung dienen wird. Weiters bekam jeder dann doch eine Medaille, sowie seine persönliche Urkunde als auch ein kleines Geschenk.

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Die Heimreise nach Österreich

Um 14.30 Uhr startete unser Shuttlebus dann in Richtung Flughafen, wo nicht nur die gesamten österreichischen Leichtathleten, sondern auch einige andere Sportarten den Heimweg nach Österreich antraten. Somit fuhr ein Konvoi von 2 Polizeiautos und 2 vollen Bussen die ÖsterreicherInnen zum Airport. Nach dem ersten Sicherheitscheck des gesamten Gepäcks ging es weiter zu einem extra für uns eingerichteten Check-In-Schalter. Das Gepäck los, spazierten wir gemütlich zur Passkontrolle und dem nächsten Sicherheitscheck. Hier wurden sogar unsere Schuhe kontrolliert, sowie jedes technische Gerät. Um zu beweisen, dass dies nicht nur eine Attrappe eines Computers, Tablets, etc. ist, mussten wir diese einschalten um die Funktion zu beweisen.

Um 17.30 Uhr stiegen wir dann in den Flieger in Richtung Wien ein. Zu unserer Verwunderung blieb die Türe zum Piloten trotz bereits geschlossener Türen des Fliegers offen, das nach den neuen Sicherheitsbestimmungen eigentlich nicht mehr üblich ist. Er drehte sich um und saß mitten in der Türe. Dann ertönte aus dem Lautsprecher:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Athletinnen und Athleten des österreichischen Nationalteams. Hier spricht der Kapitän dieses Fluges von Baku nach Wien. Ich möchte euch zu euren Leistungen hier in Baku bei den European Games gratulieren und vor allem dem österreichischen Leichtathletik-Nationalteam herzlich zur gewonnenen Silbermedaille gratulieren. Wir sind alle sehr stolz auf euch. Meine Crew und ich wünscht einen angenehmen Flug und Wohlbefinden hier bei uns an Board.“

Tobender Applaus vereint mit Fassungslosigkeit aber auch unglaublichen Glücksgefühlen stieg in uns auf. Mit einem Schlag waren die nervenaufreibenden letzten Stunden mit überwiegendem Frust fast verflogen und wir waren dann doch alle extrem Stolz auf unsere Leistung.

Nach einem wirklich guten Flug landeten wir pünktlich in Wien. Mein Anschlussflug ging knappe 50 Minuten später – dachte ich. Zur eigentlichen Boardingzeit wurde uns dann mitgeteilt, dass der Flug nach Klagenfurt verspätet sei. Die Zeit am Flughafen nutzte ich gemeinsam mit der zweiten Kärntnerin, um die Beine hoch zu lagern, zu quatschen und zu spielen. So verging die Zeit wie im Flug. Insgesamt fast 2 Stunden später als geplant durften wir dann an Board gehen. Durch Gewitter und Unwetter war unser Anschlussflug unglaublich unruhig und wir waren beide sehr froh, wieder heil am Boden zu sein.

Fast 1 Uhr Nachts war es bereits nach österreichischer Zeit. Trotzdem musste ich noch eine Dusche nehmen um mich endlich wieder völlig sauber zu fühlen.

Der erste Tag in der Heimat

Mittwoch - der erste Tag in meiner Heimat – war sehr anstrengend. Durch die letzten zwei Nächte war ich sehr müde, völlig neben der Spur und mein Kopf war enorm leer. Gott sei Dank musste ich nicht wirklich dringend etwas arbeiten und konnte den Tag zum Ankommen nutzen. Viel Tee und Kaffee habe ich getrunken, denn mir war den ganzen Tag sehr kalt. Auch mein Zeitgefühl hatte ich irgendwo zwischen Baku und Österreich verloren. Hinzu kamen noch unzählige Anrufe von Familie und Freunden, sowie viele Nachrichten. Eigentlich habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als Nachrichten beantwortet oder Telefonate geführt. An diesem Abend ging ich früh schlafen, denn am nächsten Tag gab es keine „Ausrede“ mehr um nicht zu arbeiten :)

Ich hoffe ich konnte euch ein wenig Backstage-Feeling weitergeben und habe euch meine Zeit in Baku näher bringen können. Für mich stehen in der nächsten Zeit noch die Landesmeisterschaften sowie die Staatsmeisterschaften noch am Programm. Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Sommer – genießt die Sonnenstrahlen!!

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